Monday, July 20, 2026

Review: Escumergamënt - Apparebat Eidolon Senex

Escumergamënt - Ein disziplintreibendes Gespenst!?





Disziplin ist bekanntlich Kopfsache, doch muss das eigentlich immer so sein? Escumergamënt, ein Projekt, das sich tief hinter dem undurchdringlichen Tuch der Kunst verbirgt, verlangt eine ganz andere Art von Hingabe. Hinter der Truppe stehen schweigende Mitglieder der beiden schwedischen Black Metal Bands „Stilla“ und „Setherial“. Letztere, die vor allem von 1993 bis 2013 extrem prägend unterwegs waren, durften mir heute eine ganz neue, faszinierende Seite ihres Schaffens offenbaren.

Leider hatte ich Vollhirsch eines Tages die überoptimistische Idee, mir das Ziel zu setzen, jeden einzelnen Tag mindestens 10'000 Schritte respektive sieben bis acht Kilometer zu marschieren. Wie gewohnt startet man mit voller Freude und wie gewohnt flacht diese Motivation irgendwann erbarmungslos ab. Auch heute skippte ich mich elendig durch unzählige Songs und Bands. Nichts wollte dieses ganz bestimmte, ungreifbare Gefühl erreichen, nach dem mein Geist vergebens suchte. Bis ich oh-plötzlich vor der neuen Scheibe von Escumergamënt stand: „Apparebat Eidolon Senex“.

Da ich und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch du, kein Latein studiert habe, machte ich mich direkt auf die Suche nach der Bedeutung dieser Zeile. Übersetzt bedeutet der Albumtitel so viel wie „Es erschien das Gespenst eines alten Mannes“. Das weckte nicht nur meine Neugierde, sondern trieb auch die Füsse auf meinem Pfad spürbar an, um diese 10'000 Schritte noch vor Mitternacht vollzumachen.




Ein Schatten aus der Vergangenheit


Escumergamënt krochen vor gut fünf respektive sechs Jahren das erste Mal hinter dem Mond hervor. Obwohl das Projekt damals schon fünf Jahre existierte, veröffentlichten sie erst dann ihr Debütalbum „...ni degu fazentz escumergamënt e mesorga...“ - (Herrgott, geht's noch bisschen komplexer?). Mein Teenager-Ich konnte mit dieser Wand aus Klang damals leider noch nicht allzu viel anfangen, doch mein älteres Ich wurde nun völlig überrannt. Die Gitarren auf diesem Werk schneiden wie feine Nadeln, die sich in die Haut bohren. Als mir dämmerte, dass das neue Material vor mir von genau derselben Band stammte, war ich komplett aus der Bahn geworfen.

Heute schreiben wir den 20. Juni, und vor exakt zehn Tagen veröffentlichten sie nun „Apparebat Eidolon Senex“, wohlgemerkt nach weiteren fünf Jahren, in denen es absolut still um sie war. Es ist immer wieder faszinierend, wie mir Musik genau dann über den Weg läuft, wenn ich die Künstler dahinter kaum mehr auf dem Schirm habe. Vielleicht ist das eine dieser ganz wenigen, guten Eigenschaften, die moderne Streaming-Plattformen besitzen... was mich natürlich nicht davon abhält, euch unten direkt den Bandcamp-Link zu präsentieren. -> Escumergamënt Bandcamp 

Ein elegantes Tuch im Auge des Sturms


Beeindruckt hat mich nicht nur diese tief einfühlsame Melodieführung, sondern auch die Struktur: Das Album wartet mit sieben Tracks auf, die sich über eine Spielzeit von knapp 45 Minuten erstrecken. Keine bloße Single, wie ich fälschlicherweise zunächst vermutet hatte, sondern ein zusammenhängendes Werk!

Gänsehaut und ein völlig unvorhersehbarer Schub an Emotionen und Inspiration überkamen mich beim Hören des ersten Songs „Within The Inner“. Ich wollte danach nur noch so schnell wie möglich nach Hause, um diese Empfindungen ungefiltert auf Papier zu bringen. Normalerweise greife ich bei massiven Alben gerne zum Wort „Brett“, doch kein Begriff dieser Art würde diesem Werk auch nur ansatzweise gerecht werden. Es ist vielmehr wie ein elegantes Tuch oder ein Blatt, das im Auge eines tobenden Sturms völlig unbeeindruckt durch die Lüfte schwebt.

Die Klanglandschaft ist rau, aber keineswegs unatmosphärisch, ganz im Gegenteil. Die Töne schweben durch den Gehörgang und tragen mich schwerelos von Zeile zu Zeile. Hätte ich nicht auf das Veröffentlichungsdatum geschaut, hätte ich geschworen, hier eine Produktion aus den frühen 2000ern vor mir zu haben.

Dissonanzen und unheimliche Pfade


Besonders gepackt hat mich das Intro des dritten Songs. Eine unheimliche, neblige Atmosphäre zieht herauf, gespickt mit feinen Dissonanzen und getragen von unglaublich rauen Vocals. Man fühlt sich fast wie in einem düsteren Horrorfilm, in dem man bei jedem Schwenk der Kamera krampfhaft auf den nächsten Jumpscare wartet... nur dass der rhythmische Wechselschlag in diesem Track niemals an der Stelle kam, an der ich ihn erwartet hatte.

Ein absolut aussergewöhnliches Album. Ein konstantes Auf und Ab, das uns sanft, aber bestimmt in eine völlig unvorhersehbare Welt hüllt.


nebelfund@gmail.com


TRACKLIST – Apparebat Eidolon Senex
  1. Within the Inner
  2. Radiant Glimmering Whorl
  3. The Demon’s Approach
  4. Laudanum and a Silver Scalpel
  5. The Eyeless Festering God
  6. The Corpses Heaven Refused to Take
  7. To the Graves!

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