Saturday, August 1, 2026

MODERN RITES: Eine phänomenologische Rezeption

 MODERN RITES: Eine phänomenologische Rezeption 


Wir verfallen im Umgang mit Kunst nur zu leicht einer bequemen Anmaßung: Wir glauben zu wissen, wie ein Genre zu klingen hat, verwechseln persönliche Sehnsüchte mit ästhetischer Wahrheit und pressen das Schaffen eines Musikers in die Enge unserer eigenen Erwartungshorizonte. Doch das eigentliche Wunder des Hörens liegt nicht im Bestätigen von Schemata, sondern im Zerbrechen dieser geistigen Erstarrung.

Es grenzt an eine Offenbarung, einer scheinbar vertrauten Band erneut zu begegnen und festzustellen, dass nicht die Musik geschwiegen hatte, sondern die eigene Wahrnehmung taub war – zumindest zu jenem Zeitpunkt. Modern Rites haben mir genau diese Einsicht abgefordert. Das erneute Einlassen auf ihr Werk glich keiner bloßen Erinnerung, keinem flüchtigen Auszug aus einer gewöhnlichen Wiedergabeliste, denn es fühlte sich an wie eine Erstbegegnung - ein Freilegen verschütteter emotionaler Schichten, als hätte das Gehör erst jetzt gelernt, die Nuancen ihrer Existenz wahrhaftig zu dechiffrieren.





Um die Tragweite dieser wiederentdeckten Faszination zu begreifen, bedarf es eines Blicks auf das Fundament, auf dem dieses Klangkonstrukt ruht. Denn was sich im Gehör entfaltet, ist das Resultat einer zielgerichteten, grenzüberschreitenden Symbiose. (Ich lag tatsächlich auf dem kühlen Boden, als ich MODERN RITES' Diskographie durch mich wandern liess)

Frequenzlandschaften aus Dystopie und Sakralität


MODERN RITES ist die Synthese zweier autarker ästhetischer Welten, formiert im Herbst 2020 von Berg, dem klanglichen Architekten der Schweizer Formationskunst AARA, und Jonny Warren, dem Multiinstrumentalisten, Vokalisten und visuellen Gestalter der US-amerikanischen Experimental-Band KUYASHII. Das Duo manifestiert ein Klanggebilde, das die Dystopie des Industrial mit den melodischen Abgründen des Black Metal verschmilzt.

Entsprungen aus dem Geist kühner Experimentierfreude und getragen von gegenseitiger künstlerischer Ehrerbietung, wuchs über geografische Distanzen hinweg ein Werk, das kulturelle Barrieren mühelos transzendiert. 


Anatomie jener Spiegelbilder


Inhaltlich widmet sich das Projekt den existenziellen Dissonanzen der conditio humana. Die Lyrik vollzieht einen schonungslosen Abstieg in die Topografie der Psyche, sezierende Isolation, innere Verwerfungen und die stetige Metamorphose des eigenen Schatten-Ichs.

Aufbauend auf dem hochgelobten Erstlingswerk erhebt das Album „Endless“ die künstlerische Vision des Duos auf ein vollendetes Niveau. In einem stetigen Ebben und Fluten zwischen Beklemmung und furioser Zuversicht formt das Werk eine hymnenhafte, unbarmherzige Anatomie des menschlichen Daseins.

Katharsis...


Endless“ ist für mich ganz klar eine Reifung des Projekts. MODERN RITES forderten von mir schlichtweg mehr als nur das einsame Dasitzen und Nebenbeihören, es zwang mich dazu, mich zu erden und die Kompositionen zu studieren. Wer bereit ist, seine eigenen Hörerwartungen zu opfern, wird in dieser Dystopie eine unerwartete, läuternde Schönheit finden. 


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